Interview mit Karim El-Gawhary über die arabische Revolution und sein Buch

Repression und Rebellion. Arabische Revolution – was nun?“ – Live-Talk mit Karim El Gawhari

Lesung mit Karim El Gawhari bei Morawa Graz. Der preisgekrönte Nahost-Korrespondent war zu Gast bei Morawa Graz und präsentierte sein neues Buch „Repression und Rebellion. Arabische Revolution – was nun?“.

Im Live-Talk schildert El-Gawhary, wie die Regime versuchen, jede Veränderung zu blockieren, wie die Regionalmächte um ihre Einflusssphären kämpfen. Wie Europa die Lektion, dass arabische Autokraten Terror und Flüchtlinge produzieren, noch immer nicht gelernt hat. Und wie die soziale Frage immer drückender wird und das System Risse bekommt. Das war nicht nur direkt bei Morawa Graz zu erleben, sondern auch im Echtzeit-Livestreaming. Aber auch für all jene, die das verpasst haben, gibt es das Gespräch auf morawa.tv zum Nachsehen. Lesen Sie mehr über ein interessantes Gespräch zu einem sehr spannenden Buch.

Lesungen trotz Corona

Lesungen sind ein wesentlicher Bestandteil des Buchmarkts. Verlage organisieren diese vor allem aus marketingtechnischen Gründen, damit das neu publizierte Buch einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden kann und so der Verkauf angekurbelt wird. Aber auch für die Autoren ist das gezielte Marketing wichtig. Gehen doch bei Lesungen meist gleich einige Exemplare über den Ladentisch und andererseits können Autorinnen und Autoren einen direkten Kontakt mit ihrer Leserschaft aufbauen. Hier können nicht nur die Exemplare signiert werden, sondern die Verfasser auch mit ihrer Leserschaft gleich direkt interagieren.

Live-Lesungen via morawa.tv

Lesungen fanden bei Morawa bis Mitte März 2020 in gewohnter Form statt. In den Lockdown-Monaten – also in jener Zeit, in der der Buchhandel nicht geöffnet haben durfte – mussten alle Lesungen in den Morawa-Filialen abgesagt werden. Aber in den Monaten, in denen der Handel geöffnet hatte, lasen Autoren auch bei Morawa. Und das natürlich unter Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen – mit Mund- und Nasenschutz, entsprechendem Abstand und freien Plätzen zwischen den Besuchern. Daher wurde die Anmeldung im Vorfeld wichtiger. Und nicht mehr bei jeder Lesung konnten alle Interessierten einen Platz finden. Eine dieser Lesungen im Herbst 2020 war jene vom preisgekrönten Nahost-Korrespondenten Karim El-Gawhary, der sein Buch „Repression und Rebellion. Arabische Revolution – was nun?“ in der Buchhandlung Moser Morawa in Graz vorstellte.

 

Durch das Wegfallen von Buchpräsentationen in den Lockdown-Monaten und den stark limitierten Zugang zu den Lesungen in den restlichen Monaten wurde es zunehmend wichtiger, die Buch-Veranstaltungen auch mehr Menschen zugänglich zu machen. Seit Juni 2020 werden bei Morawa Buchlesungen per Livestreaming übertragen.

 

Zeitgemäß, unkompliziert und für alle Bücherfans leicht zugänglich – das ist die Idee der digitalen Morawa Buch-Lesungen. Damit ist die Welt der Bücher um eine Attraktion reicher. In Echtzeit gibt es seither Buchpräsentationen über die Plattform morawa.tv, die es ebenfalls seit Juni 2020 gibt. Damit sind die beim Publikum sehr beliebten Lesungen vor Ort im digitalen Zeitalter angekommen. Und bekommt man einmal keinen Platz oder findet eine Lesung – wie die Beschriebene – in Graz statt, dann kann man ab nun dennoch die Lesungen live mitverfolgen auf morawa.tv.

Repression und Rebellion

Der preisgekrönte Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary präsentierte sein neues Buch „Repression und Rebellion. Arabische Revolution – was nun?“. Im Live-Talk schildert El-Gawhary, wie die Regime versuchen, jede Veränderung zu blockieren, wie die Regionalmächte um ihre Einflusssphären kämpfen. Wie Europa die Lektion, dass arabische Autokraten Terror und Flüchtlinge produzieren, noch immer nicht gelernt hat. Wie die soziale Frage immer drückender wird und das System Risse bekommt. Etwa im Sudan, wo der Autor Demonstranten in Khartum erlebt hat, die für einen neuen Staat kämpfen. Oder im Libanon und im Irak, wo er sah, wie vor allem junge Menschen gegen Misswirtschaft, Korruption und die konfessionell dominierte Politik auf die Straße gehen. Die Corona-Krise wird die Situation noch weiter verschärfen. Das Buch zeigt den Nahen Osten heute, der sich zwischen Autokratie und Aufbegehren befindet.

 

Für El-Gawhary ist der arabische Frühling ein langfristiger Prozess, „eine Situation, die im Fluss ist. Wir sehen die arabische Welt immer unter der Brille der Religion – des Islam – die Unruhe, die in der Region herrscht, hat mit dem Islam zu tun.“ Er habe versucht im Buch dazu ein Gegengewicht zu schaffen. Was die Menschen beschäftigt, ist das – wie er es nennt – „unselige arabische Dreigespann: Armut, Ungleichheit und Machtlosigkeit.“ Die arabische Welt ist eine Region, in der die Armut in den letzten zehn Jahren angestiegen ist. Eine Region mit den Raten der höchsten Armut. Zudem ist die arabische Welt auch „die ungleichste Region weltweit“ – laut UN-Zahlen. 67 Prozent des Einkommens gehen an die reichsten zehn Prozent. Und dazu kommt eben die Machtlosigkeit. Die Menschen leben in einem System, in dem sie überhaupt kein Mitsprachrecht haben. Was die Herrschenden in der arabischen Welt gelernt haben, ist dass sie überhaupt keinen Spielraum mehr zulassen. Vor zehn Jahren gab es noch einen kleinen Spielraum, „nun überhaupt nicht mehr“, so El-Gawhary. Daher steige auch die Radikalisierung.

Und Europa?

Europa macht immer noch das Gleiche wie vor zehn Jahren, so El-Gawhary. Die Gleichung lautet immer noch: Arabischer Autokrat = Garant für Stabilität. Man hofiert die Autokraten immer noch in der Hoffnung, dass sie Stabilität garantieren. Diese sind sehr gut in der Vermarktung – als Partner im Antiterrorkampf oder als Partner um Flüchtlinge davon abzuhalten, über das Mittelmeer zu kommen. „Man muss nur einmal um die Ecke schauen und erkennen, dass das nicht stimmt“, so El-Gawhary.

 

Diese Autokraten sind dafür verantwortlich, dass es überhaupt Flüchtlinge gibt. Die Autokraten selbst sind ein wesentlicher Teil des Problems. Sie versuchen mit Repression alles aufzuhalten und das ist ihnen gelungen. „Wir erleben, Repression funktioniert.“ Die Situation für die Menschen hat sich verschlechtert und jetzt kommt noch die Corona-Krise dazu. Das ist eine Krise, die nochmal alles verschärft.

 

Tunesien und Ägypten – das sind beides Gesellschaften mit verschiedenen politischen Strömungen. In Ägypten hat eine Seite versucht die andere Seite auszuschalten. Eine Strömung, die da ist, wurde kriminalisiert und weggesperrt. Eine gewisse Friedhofsruhe ist entstanden, die aber nicht nachhaltig ist. In Tunesien hat man versucht einen Ausgleich zu schaffen und auch versucht, die Strömungen an der Macht zu beteiligen. Das wurde nun ausverhandelt. Zuvor war lange der Deckel der Autokratie drauf. Warum unterstützt man Tunesien nicht mehr – da könnte Europa tatsächlich positiv Einfluss nehmen und dieses Beispiel mehr scheinen lassen. Der Boden für militante Gruppierungen ist immer noch da, so El-Gawhary.

 

Gleichzeitig gibt es aber auch eine Protestbewegung, die nicht militant ist. In vielen Ländern – ausgehend von der jungen Generation. Die soziale Identität ist die Identität, die in dieser Gruppe in den Vordergrund rückt und nicht mehr jene der konfessionellen Identität. Das ist eine interessante Entwicklung. In der jungen Generation tut sich etwas. Weltweit liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei neun Prozent, in der arabischen Welt liegt sie bei 21 Prozent. In einer Umfrage unter jungen Erwachsenen hat gezeigt, dass 60 Prozent der Meinung sind, dass die Religion zu viel Einfluss hat.

Veränderungen beim Filmen

„Jeder hat sein Handy dabei. Wirklich jeder. Handys haben inzwischen alle Kameras. Früher hatten wir oft die Situation, dass wir von einem schwarzen Loch berichtet haben – von irgendwo anders, wo wir selbst nicht als Journalisten hinfahren konnten. Wir hatten keine Bilder“, so El-Gawhari. Das sei jetzt schon anders. Heute gibt es wirklich von jedem Konflikt, von jeder Demonstration – auch wenn auf Leute geschossen wird oder Ähnliches – fast immer Bildmaterial. Die Menschen filmen selbst und interviewen sich teilweise auch selbst. Für El-Gawhari ist das etwas sehr Positives. Natürlich müsse man immer prüfen, wie authentisch das Material ist.

 

Heute passiert kaum etwas auf der Welt, wo es keine Bilder gibt. „Die ganze Black Life Matters Bewegung wäre nie so explodiert, wenn wir nicht die Bilder gehabt hätten, was die Polizisten mit den Menschen gemacht haben.“ Die Bilder von Menschen, die ihr Handy dabeihaben und mitfilmen, sind unglaublich wichtig geworden, so El-Gawhary.

 

Auch viele Berichte, die in den Nachrichtensendungen laufen, „sind mit unseren Handys gemacht, weil es eben oft schwierig ist, eine Kamera hinzubringen“. Dann wird nach der Drehgenehmigung gefragt. Das ist eine Art und Weise, wo man versucht, uns von unserer Arbeit abzuhalten – und dann ist es oft einfacher, das Handy zu nehmen und dann etwas aufzunehmen. „Und manchmal ist es auch gefährlich ein Handy zu zücken.“

Und Europa?

Wir haben eine unglaubliche Informationsflut. Es wird zunehmend wichtiger, dass es Menschen gibt, die versuchen, Dinge einzuordnen. „Es reicht nicht, nur irgendwelche Bilder zu sehen, sondern es muss auch in einen Kontext gestellt werden.“ Das sei eine der Aufgaben eines Korrespondenten – genau diesen Kontext herzustellen. Den Prozess zu beschreiben, der dazu geführt hat und auch jenen, wie es weitergehen kann. „Einfach die Klammer drum herum zu ziehen.“

El-Gawhary abschließend über sein Buch

Karim-el-gawhary-2012-roemerberggespraeche-ffm-101 Dontworry, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ich sehe es als einen Prozess, der immer weitergeht. Wo es eine Protestbewegung gab vor zehn Jahren – wo die Protestbewegung wieder aufgenommen wurde letztes Jahr und ich denke, dass diese Protestbewegung auch weitergehen wird. Gerade weil sich Krisen während der Corona-Pandemie noch weiter verschärfen werden. Geschichte wird weitergehen. Das hört ja nicht irgendwo auf. Der Fehler, den wir machen ist jener: Jetzt ziehen wir eine Bilanz, was in der arabischen Welt passiert. Es ist ein Prozess – eine Geschichte, die gemacht wird, wo es viele Rückschläge gibt, wo es brutal und turbulent zugeht. Aber wo auch Leute, sich am Ende doch nicht unterkriegen lassen oder wo Repression auf einmal nicht mehr funktioniert, sondern ein Ablaufdatum hat. Weil die Leute wirklich einfach mit dem Rücken zur Wand stehen und eigentlich nichts mehr zu verlieren haben.

 

Der letzte Satz in meinem Buch heißt: Die einen haben ihre Macht und die anderen fast nichts mehr zu verlieren. Das ist der Prozess. Das ist dieser Wettlauf zwischen Repression und Rebellion, den wir erleben. Ich versuche einfach diesen Prozess zu beschreiben.

Lust bekommen?

Dann gibt es das Live-Gespräch dieser Autorenlesung auf morawa.tv nachzusehen. Denn hier gibt es die Autorenlesungen nicht nur in Echtzeit, sondern auch zum Nachsehen. Sowie ergänzende Features und Interviews. Möglich wird dies mit der Broadcasting Suite von topdestination.tv. Wurden die Lesungen anfänglich noch von einem Team von topdestination.tv selbst aufgenommen und gestreamt, wird dies heute – dank des Broadcasting Koffers – gleich vom Morawa Team selbst gemacht. In diesem Koffer bekommt man die gesamte Technik bereits vorinstalliert. Und die Livestreams können dann ganz einfach auf die eigene Videoseite übertragen werden. Die Broadcasting Suite ist eine leistbare, automatisierbare Broadcasting Technik, die ohne großen Personalaufwand funktioniert.

 

Karim El-Gawhari hat im Gespräch interessante Einblicke in sein Buch und in seine tägliche Tätigkeit gegeben. Ein Buch, das Zeit und Raum gibt, um die Prozesse in unserer arabischen Nachbarschaft wirklich zu verstehen. Ein Buch, das laut dem Autor im arabischen Raum nicht erscheinen wird. Absolut empfehlenswert.

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